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THE VOID

GREGORY CREWDSON – ISA GENZKEN – CHRIS JORDAN

9. Februar – 23. März 2019

Düstere Straßen und einsam stehende Häuser, kaum ein Mensch unterwegs. Die im wahrsten Sinne des Wortes „un-heim-lichen“ Bilder des amerikanischen Fotografen Gregory Crewdson (geb. 1962) aus der Serie „Beneath the Roses“ könnten einem alten Hitchcock-Film in bester Hollywood-Manier entnommen sein. Wie in diesen werden die Orte und Szenen zu Spiegeln der Seele – und einer bedrückend empfundenen Leere des Daseins. Das Haus als Behausung der suchenden, einsamen Seele, geheimnisvoll und beklemmend: Crewdson inszeniert seine großformatigen Bilder mit höchstem cineastischem Aufwand und lässt die Abgründe hinter den alltäglichen Fassaden, ihren zart leuchtenden Fenstern, verhalten durchschimmern.

Die Melancholie – oder medizinisch ausgedrückt – die Depression ist seit jeher mit dem Existenz- und Empfindungskanon des Künstlerischen verbunden. Aus ihr und dem Zweifel an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns und Seins speist sich die Kreativität, die Dialektik von Leiden und Schaffen, die im Mythos des Genies kulminiert. Seit Dürers „Melancholia“ weiss man, dass diese eine der besten Freundinnen des Künstlers, ja nicht selten sein Alter ego ist. Von der Romantik des einsamen Menschen bei Casper David Friedrich über die eingekapselten modernen Großstadtmenschen bei Eduard Manet bis hin zur Desillusionierung des American Dream bei Edward Hopper: Oft genug wird dabei in der Stilisierung des produktiven Klischees die verhängnisvolle Nähe zum klinischen Krankenheitsbild verdrängt. Dabei hatte schon die antike Medizin ganz klar ihren anatomischen Befund diagnostiziert: Die schwarze Galle.

Wer allein heute die Medienschlachten um spektakuläre Prominenten-Suizide im Bannkreis von Einsamkeit und Rausch, Depression und Abhängigkeit liest, kann nur ahnen, wie weit verbreitet das Phänomen bis heute in allen Gesellschaftsschichten ist. Wer in seinem persönlichen Lebensumfeld nachspürt, ahnt, dass die „Krankheit zum Tode“ vielleicht weit verbreiteter denn je ist. Gleichwohl wird das depressive Leiden nach wie vor stigmatisiert – oder eben mythisch stilisiert. Wie aber könnte ein zeitgemäßer Umgang mit dem Thema aussehen? Ob nun der schwarzen Galle zugeschrieben oder als schwarzen Hunde verklärt, wie Winston Churchill seine Depressionen bezeichnete: Die Düsternis der Seele ist Thema der aktuellen Ausstellung im Salon Berlin des Museum Frieder Burda. Neben Werken von Gregory Crewdson aus der Sammlung präsentiert sie auch Arbeiten der Berliner Künstlerin Isa Genzken (geb. 1948), ebenfalls aus eigenem Besitz. Zugleich befragt das Ausstellungsprojekt aber auch das Verhältnis des traditionsreichen künstlerischen Topos zur gesellschaftlichen Realität.

Der Horror Vacui als Bildmotiv findet sich auch bei Isa Genzken. Ihr Werk spielt immer mit Fragen der (In-)Stabilität, der drohenden Haltlosigkeit, der lauernden Leere. Das Material Beton ist hermetisch, der Blick aus dem Fenster führt ins Nichts, die Rose blüht – und ist – aus einem Aluminiumsockel hervorwachsend – gleichzeitig für immer im emotionalen Moment erstarrt. Gerade die Rose wird so zu einem fragil erscheinenden Spiegel der Künstlerin selbst – schließlich wurde sie 1948 als „Hanne-Rose Genzken“ geboren. Wie ein roter Faden ziehen sich übergroße Blumen – Symbole von Liebe und Zuneigung – seit 25 Jahren durch ihr Werk. Manifestationen des Einfachen, Poetischen, Menschlichen – aber auch Bedürftigen.

Als weitere Position schließt der amerikanische Fotograf und Umwelt-Aktivist Chris Jordan (geb. 1963) den Kreis. Virtuos fängt er die melancholischen Momente in einer menschenleeren Natur ein, die vom Menschen auch in seiner Nicht-Anwesenheit bedroht ist. Dazu hat er ein urwald-artiges Waldterrain in Böhmen in großformatige Fotografien gebannt. So stehen dem Betrachter jeder einzelne Baum in seiner ganzen Individualität wie ein Lebewesen, wie ein Spiegel seines Selbst gegenüber und erhebt stumme Anklage als Ausdruck seines Gefährdetseins. Hinter jedem Stamm lauern vermeintlich Tod, Vergehen und Leere – und zugleich bestechen ihre Erhabenheit und Unvergänglichkeit. Eine Mischung aus Traurigkeit, Schönheit und Ehrfurcht spricht aus den Bildern – und zugleich die harte Realität: Das zerbrechliche Ökosystem ist längst in Gefahr, aus dem Gleichgewicht zu fallen.

Das Projekt „Talk!“ des Fotografen Tom Wagner – gemeinsam mit „Freunde fürs Leben“ The Void ist die jüngste einer Reihe von Ausstellungen und Workshops im Salon Berlin, die sich der kuratorischen Aufgabe widmen wie künstlerische Ausdrucksformen zu sozialen, politischen und ökologischen Debatten beitragen können. Im Rahmen der Ausstellung findet daher auch ein Panel-Gespräch Anfang März und eine Präsentation von Arbeiten aus dem Kontext des Projektes „Talk!“ statt. Das Projekt wurde von dem Fotografen Tom Wagner und „Freunde fürs Leben“, einem Verein, der mit kreativen Projekten über die Themen Depression und Suizid aufklären möchte, ins Leben gerufen.

 

MUSEUM FRIEDER BURDA | Salon Berlin

Donnerstag bis Samstag 12 - 18 Uhr
sowie nach Vereinbarung unter salon@museum-frieder-burda.de
T +49 30 240 47 404
salon(at)museum-frieder-burda.de
www.museum-frieder-burda.de 

Eintritt frei
Kostenfreie Führungen während der Öffnungszeiten.

 

 

 

 

 

 

 

Gregory Crewdson, Untitled (Summer Rain), ‘Beneath the Roses’, 2004, digitaler Pigmentdruck. Museum Frieder Burda, Baden-Baden © Gregory Crewdson Courtesy Gagosian